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NIDWALDEN

Turnunterricht: Auch wer nicht muss, soll antanzen

Trotz einer leichten Verletzung oder nach einer Erkrankung sollen Kinder und Jugendliche am Sportunterricht teilnehmen. Mit dem Projekt Activdispens soll die Regeneration gefördert werden.
12.10.2017 | 05:00

Philipp Unterschütz

philipp.unterschuetz@nidwaldnerzeitung.ch

Vor nicht allzu langer Zeit waren im Schulsport nach Verletzungen oder Krankheiten Teildispensen eher die Ausnahme. Doch ein Umdenken hat eingesetzt. Was das Bundesamt für Sport in einem Merkblatt schreibt, gilt nämlich auch in Nidwalden und ist den Verantwortlichen beim Kanton und in den Schulen bewusst: «Kinder und Jugendliche sind je länger, je weniger körperlich aktiv und treiben immer weniger Sport. Und das in einem ­Alter, in dem entscheidende wachstums- und reifungsbedingte Veränderungen des Muskel-, Skelett- und Nervensystems ihre Entwicklung prägen.»

Sechs Kantone (NW, ZG, SZ, GL, GR, FR) und Liechtenstein unterstützen deshalb tatkräftig das Projekt Activdispens.ch – «Bewegen trotz Sportdispens». Entwickelt wurde es vom Schweizerischen Verband für Sport in der Schule (SVSS) und von der Schweizerischen Arbeitsgruppe für Rehabilitationstraining (Sart). Activdispens bietet Ärzten und Sportlehrpersonen die Möglichkeit, verletzte oder leicht erkrankte Kinder und Jugendliche durch klar definierte Teildispensationen nach wie vor aktiv am Sportunterricht teilhaben zu lassen. Dazu wurden 54 Turnübungen entwickelt, die trotz Verletzung oder Krankheit von den Jugendlichen ausgeführt werden können.

Ärzte stehen hinter dem Projekt

Florian Ming, Oberstufen-Sportlehrer in Stans und zugleich Präsident der Nidwaldner Sektion des SVSS, war neben dem kantonalen Amt für Volksschulen und Sport eine der treibenden Kräfte, um Activdispens seit dem Sommer 2016 auch in Nidwalden einzuführen. Mit der bisherigen Bilanz ist er sehr zufrieden. Man sei immer noch in der Einführungsphase und liege gut im Fahrplan. «Von den Oberstufen macht in Nidwalden bereits ein Grossteil der Schulen mit. Bei uns in Stans sind schon über 50 Prozent der Arztzeugnisse auf dem Activ­dispens-Formular.»

Dass die Ärzte nur noch dieses Formular ausfüllen, ist entscheidend für das Gelingen des Projekts. Um sie davon zu überzeugen, schrieb der Kanton schon letztes Jahr mit Unterstützung des Kantonsarztes einen entsprechenden Brief an die Ärzteschaft. «Sie kennen die Problematik des Bewegungsmangels unserer Kinder und Jugendlichen, die damit verbundene Zunahme der Fettleibigkeit und andere negative Folgen. Dem Hang zur Bequemlichkeit soll mit einem restriktiven Umgang bei Sportdispensen entgegengewirkt werden», heisst es darin.

«Tatsächlich soll mit der Teildispens auch den Sportmuffeln die gezielte Bewegungsverweigerung erschwert werden», betont Florian Ming. Und bis jetzt gelinge das gut. Weil zudem gerade Kraft- und Ausdauerübungen – vor allem bei jungen Männern – momentan sehr angesagt sind, seien diese auch leichter zu motivieren. Anderseits seien die Übungen aber eben auch etwas monoton, und sie brauchten viel Selbstdisziplin, sodass sie Schüler auch dazu bringen würden, möglichst schnell wieder am regulären Sportunterricht teilnehmen zu wollen, ohne dabei die nötige Rekonvaleszenz abzukürzen. «Wichtig ist, dass die Schüler durch das Projekt mit dem Kopf beim Genesungsprozess aktiv dabei sind», sagt Florian Ming.

Nächster Schritt: Erfolgskontrolle

Rückhalt für Activdispens gibt es nicht nur von den Ärzten und vom Kanton. Laut Florian Ming ziehen auch die Schulbehörden, Lehrpersonen und Eltern mit. Negative Rückmeldungen seien von keiner Seite eingegangen. Neben der weiteren Bekanntmachung bei allen Beteiligten steht in einem nächsten Schritt die Erfolgskontrolle auf dem Plan. «Genaue Zahlen, unter anderem wie viele Dispensen vermieden werden, haben wir noch keine.» Lücken ortet Florian Ming zudem noch auf der Primarstufe, weil das Projekt bisher sehr auf die Oberstufe fokussiert gewesen sei. Da werde es wohl noch Anpassungen geben.

Hinweis: www.activdispens.ch

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