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SPANGE NORD

Regierungsrat Robert Küng kontert die Kritik der Stadt Luzern

Obwohl der Verkehr in der Innenstadt abnimmt, braucht es den Autobahnzubringer, findet Regierungsrat Robert Küng (FDP). Er will nun vorwärtsmachen – notfalls auch ohne Segen der Stadt.
11.01.2018 | 05:00

Interview: Stefan Dähler

stefan.daehler@luzernerzeitung.ch

Sie treibt derzeit einen Keil zwischen Stadt und Kanton Luzern: die Spange Nord, ein 200 Millionen Franken teurer Autobahn­zubringer zwischen Schlossberg und Fluhmühle. Für diesen müssten mehrere Häuser abgerissen werden. Der Kanton will das Projekt vorantreiben und beantragt beim Kantonsrat einen Planungskredit von 6,5 Millionen Franken. Auf die Forderungen des Stadtrats, die Fluhmühlebrücke aus dem Projekt zu streichen und die Strasse zu untertunneln, ist der Regierungsrat nicht eingegangen (Ausgabe vom 15. Dezember). Baudirektor Robert Küng (FDP) erklärt, wieso.

Robert Küng, der Verkehr auf der Seebrücke nimmt seit Jahren ab. Braucht es die Spange Nord überhaupt?

Aktuell tragen Massnahmen des Gesamtverkehrskonzepts wie Dosierungsampeln dazu bei, dass die Zahlen leicht zurückgehen. Viele umfahren das Stadtzentrum, weil sie das Gefühl haben, die Strassen seien verstopft. Doch Bevölkerung wie auch Mobilität wachsen, die Kapazität auf der Autobahn reicht nicht mehr aus. Bis 2030 nimmt der Verkehr auf der Seebrücke und im Stadtzentrum daher gemäss Prognosen erneut von rund 35000 auf 42000 Fahrzeuge pro Tag zu. Erst das Gesamtsystem Bypass schafft wieder Kapazitäten und ermöglicht Verbesserungen.

Diese Prognose stammt jedoch aus dem Jahr 2010 und ist veraltet.

Darum haben wir mit dem Bundesamt für Strassen eine neue in Auftrag gegeben. Diese ist noch in Arbeit, aber es zeichnet sich ab, dass die bisherigen Annahmen zu tief sind – auch, weil man genauer sagen kann, wie sich die Gebiete Luzern Süd, Nord und Ost entwickeln werden. Bis 2040 dürfte die Bevölkerung im Kanton von 400000 auf 480000 Personen wachsen, der ÖV um 40 Prozent, der motorisierte Individualverkehr um 20 Prozent.

Wieso gehen Sie nicht auf die Forderungen der Stadt ein?

Es geht darum, einen Mittelweg zu finden zwischen einer stadtverträglichen und einer finanziell sowie funktional vertretbaren Umsetzung. Die Fluhmühlebrücke ist aus unserer Sicht nötig, damit das Gebiet Reussbühl/Emmenbrücke Anschluss an die Autobahn im Lochhof erhält und so das Gesamtsystem funktioniert. Damit kann auch die linke Reussseite entlastet werden. Um die Brücke stadtverträglicher zu gestalten, planen wir einen Architekturwettbewerb. Uns schwebt vom Verfahren her eine Lösung vor, wie sie der Bund beim Bypass-Südportal in Kriens durchgeführt hat.

Und die Untertunnelung?

Da gibt es neben den heute noch nicht abschätzbaren Kosten ein verkehrstechnisches Problem: Heute erschliesst die Friedental­strasse viele Quartiere. Zu gewährleisten ist etwa die Anbindung der Sedel-, der Spital- und der Libellenstrasse, denen eine hohe Bedeutung zukommt. Hinzu kommt das wichtige neue Parkhaus des Kantonsspitals. Das wäre mit einem Tunnel nicht mehr möglich. Folglich müsste über diesem eine Strasse gebaut werden. Für die Erstellung des Tunnels im Tagbau wäre es zudem nötig, Häuser abzureissen.

Apropos Abrisse: Mit welchen Kosten rechnen Sie für die Enteignungen?

Das können wir noch nicht abschätzen. Die konkreten Auswirkungen auf die Grundeigentümer wegen möglicher Enteignungen kennen wir erst, wenn die Planungen nach der Bewilligung des Planungskredits vertieft werden können. Eine vertiefte Planung bedeutet auch, dass wir uns weiter mit den Wünschen der Stadt auseinandersetzen. Der Tunnel beim Friedental wurde gegenüber den ursprünglichen Plänen bereits wesentlich verlängert, was neben anderen Massnahmen das Projekt um 50 Millionen Franken verteuert.

Falls Sie sich nicht finden – können und wollen Sie

das Projekt gegen den Willen der Stadt durchbringen?

Die Entscheide fallen auf kantonaler Ebene, daher ist dies möglich. Wir machen vorwärts, denn wir sind überzeugt, dass es diese Spange als Entlastung braucht.

Verstehen Sie die Haltung des Stadtrats?

Ich verstehe, dass die Stadt sich gegenüber ihren Bürgern für eine verträgliche Lösung einsetzt. Aber sie hat als Zentrum eine Gesamtverantwortung und muss den übergeordneten Nutzen für die Agglomeration auch berücksichtigen. Sie kann nicht einfach nur den Verkehr an der Grenze zurückhalten. Ich erinnere daran, dass der ÖV mit diesem Ent­lastungsprojekt in Übereinstimmung mit der städtischen Mobilitätsstrategie stark gefördert wird.

Kritiker sagen, das Projekt erinnere an Strassenausbaupläne der 1960er- und 1970er-Jahre. Ist die Spange noch zeitgemäss?

Ich bin überzeugt, dass wir unser Mobilitätsverhalten überdenken müssen. Aber es ist unsere Aufgabe, die Mobilität sicherzustellen und für jede Bewegungsart die nötigen Verkehrsflächen zur Verfügung zu stellen. Wir forcieren mit der Spange auch den ÖV. Dank ihr werden zwei Spuren auf der Seebrücke zu Gunsten von Busspuren frei. Klar ist die Spange Nord ein Eingriff, doch die Gesamtinteressen überwiegen.

Stadtrat Adrian Borgula denkt über eine Entkoppelung von Spange Nord und Bypass nach. Ist das für Sie denkbar?

Aktuell nicht. Die Projekte er­zielen nur zusammen den gewünschten Nutzen. Wenn die beiden Planungen nicht mehr kongruent laufen, etwa weil die Spange Nord mehr Zeit benötigt oder wenn diese bei einer kantonalen Volksabstimmung abgelehnt würde – ja, wäre eine Neubeurteilung nötig. Die Frage ist, wie der Bund dann reagieren würde. Eine Entkoppelung wäre riskant, wir würden das Signal aussenden, dass der Leidensdruck in Luzern nicht hoch ist, dass man hier gar nicht investieren muss.

Im Gegensatz zur Stadt weibeln die Rontaler Gemeinden für die Spange Nord. Was bringt diese der Region?

Zuerst: Es entstehen nicht nur für das Rontal, sondern rund um die Stadt neue Verkehrsbeziehungen. Aber das Rontal ist speziell betroffen, weil der Auto­bahn­anschluss in Buchrain überlastet ist. Durch die Möglichkeit, aus dem Rontal oder auch aus Meggen via Schlossberg auf die Autobahn zu gelangen, wird der ­Zubringer entlastet, die Spange Nord stabilisiert das gesamte Verkehrssystem in Luzern Ost.

Der Rontalzubringer war be­reits kurz nach der Eröffnung überlastet. Besteht diese Gefahr auch bei der Spange?

Der Rontalzubringer wurde von Anfang an zu wenig grosszügig geplant. Es wären grössere Verkehrsflächen nötig. Bei der Spange Nord sind wir überzeugt, dass sie dem Bedarf entspricht.

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