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LUZERN

Es rumort im Asylwesen

Zu wenig Betreuung, kaum finanzielle Mittel, Orientierungslosigkeit: Die Vorwürfe an die neue Führung des Asyl- und Flüchtlingswesens sind happig. Der Kanton weist die Kritik zurück – will aber einen Bereich verbessern.
03.10.2017 | 05:00

Yasmin Kunz

yasmin.kunz@luzernerzeitung.ch

Vieles wollte der Kanton bei der Übernahme des Asylwesens anders und besser machen: weniger Geld ausgeben, ein schlankeres System einführen, pragmatischere Lösungen bei diversen Schnittstellen realisieren. Zuvor hatte die Caritas das Asylwesen betreut und verlor auf den 1.1.2016 hin dieses Mandat – nach 25 Jahren.

Mit dem Regiewechsel wollte die Regierung die Vorgabe des Parlaments erfüllen, im Asylbereich jährlich 1,3 Millionen Franken zu sparen. Hat das geklappt? Ja, schreibt Erwin Roos, Departementssekretär des Gesundheits- und Sozialdepartements, auf Anfrage. Rund 3 Millionen Franken habe man 2016 gegenüber dem alten Caritas-Vertrag eingespart. Gesamthaft kostete das Asylwesen den Kanton Luzern im vergangenen Jahr 21,7 Millionen Franken.

Rund ein Viertel der Caritas- Mitarbeiter hat gekündigt

Rund 80 Mitarbeiter konnte der Kanton 2016 von der Caritas übernehmen. Anfang 2017, als der Kanton auch noch den Bereich Flüchtlingswesen von der Caritas übernahm, wechselten weitere 25 Personen vom Hilfswerk zum Kanton. Gesundheits- und Sozialdirektor Guido Graf sagte im April 2015 gegenüber unserer Zeitung, dass man diese Mitarbeiter übernehmen wolle, weil deren Wissen im Umgang mit Asylsuchenden von grossem Nutzen sein kann. Heute zeigt sich allerdings: 24 der ehemaligen Mitarbeiter der Caritas, die der Kanton eingestellt hat, haben den Bettel hingeschmissen. Erwin Roos überrascht dies nicht. «Diese Zahl liegt in dem zu erwartenden Rahmen.»

Zu einer anderen Einschätzung kommen mehrere im Asylbereich tätige Personen. Diese möchten weiterhin ihrer Arbeit nachgehen und haben den Wunsch geäussert, anonym zu bleiben. Sie alle sind sich einig, dass seit der Übernahme des Asylwesens durch den Kanton einiges schiefläuft. Die Rede ist von «Orientierungslosigkeit», von fehlendem Personal und von mangelnder Betreuung. «Der Kanton stellt zu wenig Ressourcen zur Verfügung, zu viel lastet auf den Schultern der einzelnen Angestellten», sagt eine Frau aus der Region, die in einer der Unterkünfte arbeitet. Sie hat in den vergangenen eineinhalb Jahren einige Personalwechsel miterlebt und weiss: «Solche Wechsel tun den Asylsuchenden nicht gut.» In ihrer Unterkunft habe die Unbeständigkeit und Unterbesetzung des Personals drastische Auswirkungen. Wie unsere Zeitung weiss, sind seither deutlich mehr Asylsuchende untergetaucht. Als Grund wird der fehlende Halt und das mangelnde Vertrauen zu den Betreuungspersonen genannt. Erwin Roos findet den Zusammenhang zwischen angeblich fehlendem Personal und untergetauchten Asylbewerbern aus der Luft gegriffen. «Wir haben seit der Übernahme keine Personalreduktion vorgenommen», sagt er und fügt an: «Die Anzahl der untergetauchten Asylsuchenden hat nichts mit der Betreuung in den Zentren zu tun.» Roos bestätigt jedoch, dass die Zahl in den letzten Jahren tatsächlich etwas zugenommen hat, allerdings nicht so stark wie in anderen Kantonen. «Die Asylsuchenden tauchen dann unter, wenn sie einen negativen Entscheid erhalten», betont Roos.

Allein gelassene unbegleitete Minderjährige?

Nichtsdestotrotz: «Diese Situation ist unbefriedigend – für das Personal und für die Asylsuchenden», insistiert die Mitarbeiterin und ist mit dieser Meinung nicht allein. Eine weitere Person, die ebenfalls seit mehreren Jahren im Asylwesen tätig ist, betont, dass es im Asylbereich viele Lücken zu füllen gäbe. «Es mangelt definitiv an Personal», hält sie fest. So seien beispielsweise bei den minderjährigen Asylsuchenden am Wochenende keine Betreuer vor Ort. «Ich bin enttäuscht, dass man diese – zum Teil noch Kinder – samstags und sonntags alleine lässt.» Erwin Roos stellt dies in Abrede: «Die Zentren, in welchen unbegleitete minderjährige Jugendliche untergebracht sind, werden das ganze Jahr über Tag und Nacht betreut.» Zudem würden täglich Anwesenheitskontrollen stattfinden. Roos hält ausserdem fest, dass es genügend Stellen habe im Asylwesen, und er weist daraufhin, dass «Vakanzen jeweils gut besetzt werden können».

Asylbewerber sind mit Formularen überfordert

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die anfänglich hochgelobten Deutschkurse. Wobei nicht die Kurse bemängelt werden, sondern die Kursdauer. Denn Asylsuchende dürfen nur während eines halben Jahres daran teilnehmen und bleiben danach mit meist noch sehr lückenhaften Sprachkenntnissen auf sich allein gestellt. Genau dies bemängelt eine weitere Person, die in einer Pfarrei arbeitet und seit Jahren Asylsuchende begleitet. Sie macht ein Beispiel: «Asylsuchende bekommen Formulare in die Hand gedrückt, die sie weder verstehen noch ausfüllen können.» Hilfe müssten die Betroffenen selber suchen, meint die Frau. Roos räumt ein, dass das Amt für Migration, von dem die Formulare stammten, in der Regel nicht beim Ausfüllen helfe. Dieses Defizit habe die Dienststelle erkannt und wolle es ändern. Roos sagt: «Wir planen mit Freiwilligen einen Lese- und Schreibdienst für Asylsuchende und Flüchtlinge.»

Die Person von der Pfarrei moniert zudem die Situation in den Wohnungen. «Viele Personen, die in den Gemeinden wohnen, sind quasi auf sich allein gestellt.» Auch das sieht Erwin Roos anders und weist auf die Kontrollen hin: «Asylsuchende, welche in Wohnungen des Kantons untergebracht sind, werden einerseits durch die Wohnbegleitung vor Ort besucht, andererseits haben sie regelmässige Gespräche mit ihrem zuständigen Sozialarbeiter.»

Hat der Kanton bei der Betreuung der 1458 Asylsuchenden (Stand Ende August) also ein grundsätzliches Problem? Eine abschliessende Antwort lässt sich darauf nicht geben. Fakt ist: Die Wahrnehmung vieler Mitarbeiter des Asyl- und Flüchtlingswesens und anderer im Asylwesen tätigen Personen deckt sich in kaum einem Punkt mit jener der Departe­mentsführung.

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