Wirtschaft
20.04.2017 05:00

Aufstieg, Fall und Wiederaufstieg

  • Für einen sicheren Flug braucht es auch beim Gleitschirmfliegen entsprechende Elektronik.
    Für einen sicheren Flug braucht es auch beim Gleitschirmfliegen entsprechende Elektronik. | Bild: Mario Eder/Getty
HORW ⋅ Einst galt Flytec als Pionier für Höhenmessgeräte für Gleitschirmflieger. Nach einem tiefen Fall wagt der Nachfolger der Firmengründer nun mit Volirium einen Neuanfang.

Als Gleitschirmpilot kennt sich Jörg Ewald mit Höhen und Tiefen aus. In seinem Geschäfts­leben ging es in den letzten drei Jahren zuerst sanft aufwärts, dann folgte eine Notlandung. Jetzt hat er den Rucksack wieder umgeschnallt: «Ich bin auf den Berg gestiegen und fliege nochmal los.»

Der 48-jährige Ostschweizer hatte im Sommer 2014 zusammen mit einem Partner das damals angeschlagene Horwer Technologieunternehmen Flytec übernommen. Die Firma stellt sogenannte Variometer für Gleitschirm- und Deltaflieger sowie Ballonfahrer her. Im Prinzip handelt es sich um Barometer, die anzeigen, wie schnell ein Pilot steigt oder sinkt.

Jahrelang lief das Geschäft von Flytec hervorragend. 1983 gegründet, galt die Firma als Pionier und als Weltmarktführer bei der Flugelektronik für den sogenannten Tuchfliegereimarkt. Zu den Kunden der Horwer gehört auch der Ballonfahrer Bertrand Piccard, der für sein Flugabenteuer um die Erde einen speziellen Höhenmesser von Flytec in seinen Orbiter einbauen liess. Auch Nebenprodukte wie der digitale Höhenmesser für Victorinox-Taschenmesser waren ein Erfolg. Zu Spitzenzeiten beschäftigte die Firma in Horw und Deutschland 50 Personen und erwirtschaftete einen Jahresumsatz von 10 Millionen Franken.

Doch dann begann der Sinkflug. Bis 2010 hatte die Konkurrenz aufgeholt. Hinzu kam eine allgemeine Sättigung im Gleitschirmmarkt. Während das Hauptprodukt kaum weiterentwickelt wurde, steckte Flytec viel Geld in die Entwicklung eines Elektroantriebssystems für Hängegleiter. Die Idee war, dass umweltschonende Elektromotoren die bisherigen Verbrennungs­motoren verdrängen sollten. Die Antriebshilfe war aber mit 10 000 Franken nicht eben billig. Ausserdem war die Akkutechnologie noch nicht aus­gereift. Nach enttäuschenden Absatzzahlen gab Flytec das Geschäft wieder auf.

Erster «Smart Vario» der Welt

2014 zogen sich die beiden Gründer Lorenz Camenzind und Peter Joder aus der Firma zurück und übergaben das Geschäft Jörg Ewald und Stefan Lanz, einem erfahrenen Financier für KMU-Turnarounds. «Wir wussten damals, dass die Firma im Sturzflug war. Aber wir waren überzeugt davon, mit unserem Einsatz und dank unserer Nähe zum Markt Flytec wieder zum Fliegen zu bringen», sagt Ewald rückblickend. Die folgenden zwei Jahre waren ein Auf und Ab. 2016 liefen die Geschäfte besonders schlecht. Unter anderem auch deshalb, weil das Wetter im gesamten Alpenraum schlecht war und sich nur wenige neue Piloten eine neue Ausrüstung kauften.

«Uns blieb im Sommer 2016 nur noch der Notschirm, die Marke Flytec zu verkaufen», sagt Ewald. Die slowenische Softwarefirma Naviter kaufte aber nicht die Flytec AG, sondern nur die Marke und einen Teil der Produktpalette. «Uns blieben die AG, die Variometer für Heissluftballone und eine noch nicht komplett marktreife Neuentwicklung für Gleitschirme.»

Die Flytec AG war zu diesem Zeitpunkt praktisch nur noch eine Einmannfirma. Die noch verbliebenen rund zehn Mitarbeiter mussten entlassen werden. Sozusagen auf dem Boden der Tatsachen hat Ewald nun neuen Mut gefasst. Die Flytec AG hat er vor kurzem in Volirium umbenannt. Den Sitz hat die Firma weiterhin in Horw. Seine Hoffnung ruht auf der Weiterentwicklung des Variometers Connect 1, des ersten «Smart Vario» der Welt, wie Jörg Ewald sagt. Der Flugcomputer verfügt über GPS, WLAN und Touchscreen.

Ewald ist dabei, das Gerät umzubenennen und neu zu lancieren. «Wir planen Anpassungen in der Hardware, um das Gerät noch robuster zu machen. Daneben sind wir dabei, mit einem Team von Freiwilligen die Software auf einen Stand zu bringen, der das Potenzial dieses Geräts voll ausschöpft.» Es könnte der Anfang eines neuen Steigflugs für das Horwer Unternehmen sein.

 

Maurizio Minetti

maurizio.minetti@luzernerzeitung.ch

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