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SUIZID

Wir erheben Anspruch auf den eigenen Tod

In Japan kennt man neuerdings den Suizid infolge Überarbeitung, bei uns die Sterbehilfe. Selbstmordattentäter gehen um, Anleitungen dazu finden sie im Internet. Was ist nur los mit unserer Zeit?
09.10.2017 | 08:36

Rolf App

Im November 1911 nimmt sich in seinem Haus südöstlich von Paris ein älteres Paar mit zwei Zyankalispritzen das Leben. Paul und Laura Lafargue sind zuvor noch in Paris in der Oper gewesen, in heiterer Stimmung sollen sie zurückgekehrt sein. Am Morgen findet die Köchin das tote Paar, und einen Abschiedsbrief von Paul. «Gesund an Körper und Geist töte ich mich, bevor das erbarmungslose Alter mir nacheinander alle Vergnügen und Freuden des Lebens nimmt, mich meiner physischen und psychischen Kräfte beraubt, meine Energie lähmt, meinen Willen bricht und aus mir eine Last für andere und mich selber macht», heisst es da in aller Klarheit.

Das Paar ist eine in Sozialistenkreisen bekannte Grösse: Laura Lafargue ist die Tochter von Karl Marx, Paul Lafargue sein Schwiegersohn. Am Begräbnis nehmen 15000 Menschen teil, unter ihnen Wladimir Iljitsch Lenin. Öffentlich rühmt er Paul Lafargue als «einen der Begabtesten und Gründlichsten unter denen, welche die Ideen des Marxismus verbreiten», privat hat er grosse Bedenken gegen den Doppelsuizid. Denn: «Ein Sozialist gehört sich nicht selbst, sondern der Partei.»

Der Suizid prägt unser Zeitalter in vielen Formen

Wie in einem Brennglas findet man in diesem Fall, den der österreichische Kulturhistoriker Thomas Macho in seinem Buch über den Suizid schildert, was unsere Zeit neben all den Aufbrüchen prägt – und was sie von früheren Jahrhunderten unterscheidet. Was sie prägt: Das sind nicht nur Globalisierung und Digitalisierung. Es ist auch der allgegenwärtige Suizid. In Japan arbeiten sich Menschen zu Tode, «Karoshi» –Tod durch Überarbeitung heisst das dort. Während bei uns in ­aller Stille eine wachsende Zahl von Menschen Sterbehilfe in Anspruch nimmt – und in Las Vegas ein Mann zuerst Dutzende von Menschen und dann sich selbst tötet. Auch das Selbstmordattentat mit oder ohne politisches Motiv gehört zu unserer Zeit. Und, anknüpfend an das frühe Christentum, der Märtyrertod in vielerlei Facetten.

«Going to Switzerland» ist zum Begriff geworden

Was unsere Zeit freilich unterscheidet: Wir fragen uns nicht mehr, wem unser Leben gehört, sondern sind der festen Auffassung: Es gehört uns. Diese Antwort aber, stellt Macho fest, «tendiert immer offensichtlicher zur scheinbar paradoxen Gewissheit, dass mir mein Leben nur gehört, weil mir mein Tod gehört.» Das Leben gehört nicht mehr den Eltern, nicht mehr Gott, nicht mehr der Nation, auch nicht mehr der Sozialistischen Partei.

Und so erfährt auch der Suizid eine Umwertung. Denn «der Tod wird nicht mehr als Schicksal wahrgenommen, sondern als kalkulierbares und gestaltbares Projekt». Weil uns die Medizin immer älter – und damit auch immer gebrechlicher – werden lässt, wird das lange, geruhsame Leben, einst das Ideal schlechthin, zum Schreckbildnis. Wir fürchten den Kontrollverlust, das langsame Dahindämmern, und sorgen vor. Oft mit Hilfe von «Exit». «Going to Switzerland» ist im angelsächsischen Raum zum ­festen Begriff geworden.

Sogar die Vampire wollen nicht mehr ewig leben

All dies hat auch damit zu tun, dass die Unsterblichkeit stark an Anziehungskraft eingebüsst hat. Sogar die Vampire sehnen sich in den jüngsten Hollywood-Filmen nach dem Tod, sind «sensibel, mitleids- und liebesfähig, höflich und rücksichtsvoll, melancholisch und latent suizidgefährdet». Auch an ihnen zeigt sich, was Thomas Macho unserer Zeit als Ganzes attestiert: «Wir leben in einer suizidfaszinierten Welt, die gar nicht selten davon träumt, dem eigenen Untergang zuschauen zu können.» Denn die Atomwaffen, mit denen gerade wieder offensiver hantiert wird, kommen ja nicht aus dem Nichts.

Natürlich kommt auch diese Faszination nicht aus dem Nichts, die im Jahr 2012 mehr als 800000 Menschen Suizid hat begehen lassen (zum Vergleich: 120000 starben in Kriegen, etwa 500000 durch Mord und Totschlag). Lange ist der Suizid verfolgt, verteufelt oder tabuisiert worden, von der Mitte des­ 18. Jahrhunderts an aber wird er nicht mehr als schwere Sünde betrachtet, sondern mehr als Krankheit. An die Stelle der Priester ­treten die Ärzte. Heute wird auch diese Pathologisierung mehr und mehr in Frage gestellt.

Auch wenn gern von einer Wiederkehr der Religionen gesprochen wird: In diesem Prozess der Aneignung des Todes zeigt sich nach Ansicht von Thomas Macho in Tat und Wahrheit ein Bedeutungsverlust religiöser Verbindlichkeit. So teilt er denn die Analyse Navid Kermanis, der mit Blick auf die Attentate auf die New Yorker Zwillingstürme von «aktivem Nihilismus» spricht.

Das «Werther-Fieber» und seine Folgen

Etwas anderes wird wichtiger: die Massenmedien. Ihr Einfluss zeigt sich, als 1774, am Ende eines Jahrhunderts voller übler Seuchen, anonym der Briefroman «Die Leiden des jungen Werther» von Johann Wolfgang von Goethe erscheint. An dessen Ende wird detailliert der Freitod des jungen, unglücklich verliebten Helden geschildert.

Das lädt zur Nachahmung ein. Belegt ist eine zweistellige Zahl von Suiziden, deren Opfer sich wie Werther mit blauer Jacke und gelber Weste kleiden. Oft findet sich aufgeschlagen noch das Buch. Der Suizid wird zur Botschaft, zu einer Tat, die zur Nachahmung verführt, und die über Massenmedien popularisiert wird. Mit der millionenfachen Nutzung sozialer Medienplattformen erreicht dieser Prozess einen neuen Höhepunkt – weshalb es auch Bestrebungen gibt, über das Internet nach suizidgefährdeten Menschen zu suchen.

Ein Schuster vermisst seine Frau

Der Hang zur Nachahmung kann kuriose Folgen haben. Wie im Fall jenes Schusters, von dem ­ die Pariser «Correspondance ­secrète» 1781 berichtet. Der Mann findet nach der Heimkehr die Frau durchgebrannt und die Tochter im Gefängnis und will sich umbringen. Im letzten Moment – er hat schon das Messer in der Hand – erinnert er sich, dass es nach den Moden der Zeit einen Abschiedsbrief braucht. So kritzelt er ein paar Zeilen, endet mit einem Vers von Molière, und bekommt Zweifel. Stammt das Zitat nicht eher von Rousseau? Unser Mann will sich nicht posthum lächerlich machen. Also verschiebt er seinen Suizid, fragt die Freunde, die sich aber uneinig sind. Und erkennt in der Zwischenzeit, dass seine Frau ihm einen Gefallen getan hat.

Thomas Macho: Das Leben nehmen – Suizid in der Moderne, Suhrkamp 2017

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